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8. November 2020, 14:06 Uhr
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Ein komprimiertes Werk mit neuen Erkenntnissen

Rund ein Jahr lang hat sich Johann Haddinga ausgiebig noch einmal mit seinem „Steckenpferd“, der lokalen und regionalen Geschichte, befasst – jetzt präsentiert er das fertige Werk zusammen mit Verlegerin Gabriele Basse. Foto: Tebben-Willgrubs

Rund ein Jahr lang hat sich Johann Haddinga ausgiebig noch einmal mit seinem „Steckenpferd“, der lokalen und regionalen Geschichte, befasst – jetzt präsentiert er das fertige Werk zusammen mit Verlegerin Gabriele Basse. Foto: Tebben-Willgrubs ©

NORDEN/ISH – Drei Bücher, die über Jahre, Jahrzehnte Auskunft gegeben haben: Wie war das Leben in Ostfriesland, wie war das Leben in der Stadt Norden ab 1914 bis Mitte des letzten Jahrhunderts? Wie erlebten die Menschen die Weltkriege, wie gingen sie um mit Tod und Gewalt, mit Naziherrschaft und Terror? Wie war es in Zeiten schlimmsten Hungers und in den Jahren der Not? Johann Haddinga hat sich intensiv damit beschäftigt, schon in den 1980er-Jahren. Schrieb die „Stunde Null“ (erschienen 1988), den „Kriegsalltag in Ostfriesland“ (zweite Auflage 1997) und über „Bewegte Zeiten in Norden“ (2010). Alle Werke, sämtlich im Verlag Soltau-Kurier-Norden erschienen, gibt es seit geraumer Zeit nicht mehr. Jetzt aber erscheint ein neues Buch: „Bewegte Jahre in Ostfriesland“. Und ja, es fußt auf den drei oben genannten Veröffentlichungen. Und nein, es ist nicht mit ihnen zu vergleichen.

„Mir gefiel das nicht“, sagt Johann Haddinga, nicht nur ostfrieslandweit bekannt durch etliche Buchveröffentlichungen zu verschiedenen Themen und seines Zeichens langjähriger Chefredakteur der Tageszeitung Ostfriesischer Kurier, spontan und ehrlich mit dem Blick zurück. Als habe er nur darauf gewartet, noch einmal neu durchstarten zu dürfen. Sich noch einmal mit den bekannten, darüber hinaus aber mit etlichen weiteren Quellen auseinanderzusetzen, die Zeit von 1914 bis 1950 aus heutiger Sicht neu zu bewerten, neu einzuordnen. Und: Texte anzupassen, modern zu gliedern und auch aufzuräumen. Was ist wirklich wichtig und relevant, was zu spezieller Ballast, der das Thema nicht entscheidend weiterbringt, sondern eher zerfasert?

Haddinga ist selbstkritisch und im Nachhinein glücklich, dass er sich getraut hat, die „alte“ Geschichte noch einmal ganz genau aufzuarbeiten und in den auf heute angepassten Fokus zu stellen. Herausgekommen ist ein 176 Seiten umfassendes Werk, das in drei Kapiteln die Jahre in Ostfriesland im und nach dem Zweiten Weltkrieg sowie umfassend die Jahre 1914 bis 1950 speziell in der Stadt Norden zum Thema hat. Gänzlich neu ist Kapitel vier, das sich allerdings wie ein bisher fehlendes Puzzleteil in das Gesamte einfügt, geht es hier doch um das Thema Flüchtlingslager/Dokumentationsstätte Tidofeld und damit einen Part, der die voraufgegangenen Themen aufgreift und weiterführt. Im Übrigen ein wundervolles Beispiel dafür, dass hierzulande Integration in der Nachkriegszeit allen Widrigkeiten zum Trotz schon einmal sehr sehr erfolgreich funktioniert hat.

„Gegen das Vergessen“ heißt es im Untertitel des neuen Buches, und ergänzend: „Zeitbilder 1914 bis 1950“. Das ist wohl die perfekte Beschreibung: Zeitbilder. Haddinga ist bis heute Journalist geblieben. Er arbeitet mit Fakten, mit Daten, mit Zahlen. Genaue, wenn nötig detaillierte Angaben sind selbstverständlich. Und diese Grundlagen nutzt er, um die größeren Zusammenhänge zu erklären. Das gelingt ihm wunderbar mit immer klaren und im besten Sinne einfachen Sätzen. Geschichte darf auch dank eines solchen Buches wie in einem erzählten Roman verständlich und kann gleichzeitig wie in einem Sachbuch nachgeschlagen werden. Denn viele kleine Geschichten formen das jeweilige Kapitel.

Man kann blättern und einfach anfangen zu lesen – wie in einem Lexikon. Fettgedruckte Jahreszahlen helfen, jederzeit den Überblick zu behalten beziehungsweise ermöglichen erst recht, beim flüchtigen Drüberschauen doch „mal eben“ genauer nachzulesen.

Haddinga war am Ende selbst überrascht, „wie anders“ das neue Buch gegenüber den drei „alten“ ist. Neues Format, aber gewohnt edles Papier – das ist heute nicht mehr selbstverständlich! Die Bildseiten sind konzentriert zusammengefasst in einigen Abschnitten, lassen sich mithin separat betrachten oder beim Lesen zunächst auch einfach überblättern. Wort und Bild stehen für sich, ergänzen sich aber selbstverständlich.

Leser und Leserinnen bekommen einen pointierten Hintergrundbericht nicht nur über den Alltag in Norden, in Ostfriesland, sondern davon ausgehend immer einen Überblick über die gesamte Situation. Beispiele gefällig? Da ist der Soldat am Norder Glockenturm – warum wurde er wann installiert? Was hat es mit „holländischem Teeersatz“ 1942 auf sich, und warum wurden Redakteure mit Kartoffeln entlohnt? Ein winziger Auszug aus vielen detailliert geschilderten Berichten – eingebettet in die „große“ Geschichte: Weimarer Republik? Woher kommt noch einmal der Name? Das braucht man nicht googeln, Haddinga erklärt es in einem Satz. Treffend und genau. Und vor allem so, dass man es nicht gleich wieder vergisst.

Norder erfahren noch einmal, wie der braune Wahnsinn sich in ihrer Stadt ausgebreitet hatte, lange bevor die NSDAP die Macht endgültig übernahm. Dass ihre Stadt zweifelhaften Ruhm genoss mit Hakenkreuzen schon in den 1920er-Jahren und einer Bücherverbrennung, die der in großen Städten in nichts nachstand. Wohl ganz im Gegenteil.

Alles schon mal gehört, alles schon mal gelesen? Aber vermutlich, nein ganz sicher nicht so komprimiert, so auf den Punkt gebracht, so zusammengefasst und in den geschichtlichen Kontext gestellt. „In einer Zeit, die augenscheinlich wieder geprägt wird durch Ausgrenzung und Ablehnung, machen wir es uns zur Aufgabe, mit diesem Buch einen Beitrag zum besseren Umgang miteinander zu leisten. Das Buch wäre in jedem Fall erschienen“, erklärt Verlegerin Gabriele Basse die Bedeutung des Werkes nicht nur für heimatinteressierte Ostfriesen. Genau das war auch den Unterstützern des Projektes wichtig. Die Gerhard ten Doornkaat Koolman-Stiftung, der Kirchenkreis Norden, die IHK, die Ostfriesische Brandkasse sowie die OLB, die Unternehmen Frisia und Doepke haben sich vielmehr deshalb besonders engagiert, weil sie auch in ideologischer Hinsicht mit ein Zeichen setzen wollen. Ein Ausrufezeichen gegen das Vergessen, gegen Ausgrenzung, Hass und Spaltung, für Versöhnung, gegenseitiges Verständnis und gemeinsame Zukunft.

Rund ein Jahr lang hat sich Johann Haddinga ausgiebig noch einmal mit seinem „Steckenpferd“, der lokalen und regionalen Geschichte, befasst. Und mit dem neuen Buch eindrucksvoll bewiesen, dass er exzellent zusammenfassen und klare Schwerpunkte setzen kann. Und sich nicht zu schade ist, seinen früheren Veröffentlichungen auch kritisch gegenüberzustehen.

„Bewegte Jahre in Ostfriesland, Gegen das Vergessen – Zeitbilder 1914-1950.“ Ostfriesland Verlag – SKN. 25 Euro.

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