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7. Mai 2020, 18:07 Uhr
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Töwerland-Express-Reeder denkt größer

Drei „Töwis“ beim Einlaufen in den Juister Hafen. Foto: Te-Reederei

Drei „Töwis“ beim Einlaufen in den Juister Hafen. Foto: Te-Reederei © TE-Reederei

JUIST/ERD – Seit mehr als einem Jahr ist Jörg Schmidt erfolgreicher Reeder. Jetzt plant er weiter. Der Vollblutgastronom ärgert sich seit Jahren darüber, dass die AG Reederei Norden-Frisia die Schiffsverbindungen nach Juist zugunsten der Norderney-Anbindung immer stiefmütterlicher behandelt. Schließlich habe er gehandelt und die gute Resonanz auf seinen Töwerland-Express habe gezeigt, dass ein großer Bedarf an einem stark ausgeweiteten Schiffsfahrplan bestehe. Deshalb ist seiner Ansicht nach auch ein größeres Schiff für 300 bis 500 Fahrgäste wünschenswert.

Was besonders für Gastronomie und Einzelhandel ein großes Ärgernis darstelle, sei die immer weiter heruntergefahrene Zahl der sogenannten Kaffee- und vor allem Tagesfahrten ab Norddeich. So gab es beispielsweise zu Inselbahnzeiten im Sommerfahrplan 1973 (dieser lief damals vom 1. Mai bis 30. September) noch 46 Tagestouren von Norddeich, 1985 (das erste Jahr mit einem fertigen Hafen) waren es noch 29, im Sommer 2020 sind im selben Zeitraum nur noch 18 Fahrten geplant. Ähnlich verhält es sich mit den Kaffeefahrten (Fahrten in einer Tide mit zwei bis drei Stunden Inselaufenthalt). Deren Zahl wurde zwar in diesem Jahr erhöht, dennoch gibt es im Sommerfahrplan wieder 65 Tage, an denen es nur eine Abfahrt je Richtung und somit keinen Inselaufenthalt für Kurzgäste gibt. 1973 gab es das nur an sechs und 1985 sogar nur an vier Tagen.

Hinzu kommen die zahlreichen Tagesfahrten ab Juist, die Schmidt als „negative Tagesfahrten“ bezeichnet. Für Insulaner und Personal, die zum Facharzt, Behörden oder Einkaufen zum Festland wollen, sind diese Touren sehr wichtig, für Gastronomie und Einzelhandel aber tödlich. Schmidt: „Wenn in der Hauptsaison an den Wochenenden morgens die Dauergäste abfahren, kein Schiff von Norddeich mit Tagesgästen kommt und die Gästeanreise erst abends ist, haben wir den ganzen Tag eine leer gefegte Insel, wo sich das Personal die Beine in den Bauch steht und allen Betrieben der Umsatz fehlt.“

Den Wunsch nach mehr Tagestouren von Norddeich habe auch die Gemeinde bei Fahrplankonferenzen mehrfach geäußert, so Bürgermeister Dr. Tjark Goerges auf einer Bäderausschusssitzung im vergangenen Herbst, als der Fahrplan der Reederei Norden-Frisia für 2020 vorgestellt wurde. Auch Goerges räumte ein, dass die Reederei dies mehrfach mit der klaren Aussage abgetan habe, die dafür erforderlichen Schiffe lieber zugunsten des Norderney-Verkehrs einsetzen zu wollen.

Jörg Schmidt hat alles einmal durchgerechnet, wobei seine Berechnungen sich auf einen normalen Sommer ohne Corona-Auswirkungen beziehen. Demnach gibt es 66 Kaffeefahrten und 20 Tagesfahrten ab Norddeich im Sommer 2020 durch seinen Mitbewerber. Der Töwerland-Express hingegen bietet an 89 Tagen Kaffeefahrten an und darüber hinaus 125 Tagesfahrten. Wenn man einen realistischen Durchschnittswert von 300 Personen je Tag rechne, so Schmidt, ergäben sich derzeit knapp 20 000 Kaffee- und 6000 Tagesgäste. Würde man mit einem größeren Schiff als den für zwölf Personen zugelassenen „Töwi“-Wassertaxis die geplanten Kaffee- und Tagesfahrten durchführen, könne man 26 700 Kaffee- und 37 500 Tagesgäste befördern, also insgesamt 64 200 Tagesgäste.

Zum Vergleich: Norderney hatte 2018 insgesamt 273 706 Tagesgäste, eine Steigerung von 30 000 Gästen im Vergleich zum Vorjahr. Schmidt hat sich die auf Norderney errechneten Zahlen geben lassen. Ein Tagesgast gibt in der Regel mehr Geld aus als ein Dauergast – allein 45,80 Euro pro Person an Verzehr in der Gastronomie. Bezogen auf Juist wäre demzufolge ein Plus von rund 1,8 Millionen Euro im Jahr möglich.

Insgesamt gibt jeder Tagesgast rund 110 Euro aus – für die Schiffsfahrt, Verzehr, Leihräder, Souvenirs, Strandkörbe, Einzelhandel und anderes mehr. Für Juist ein Potenzial von etwas mehr als sieben Millionen Euro Umsatz im Tagestourismus. Nicht in Summen umrechnen lasse sich die Inselwerbung, sagt Schmidt, denn viele machten auf dem Festland Urlaub, kämen durch einen Tagesausflug erstmalig auf die Insel und würden im nächsten Urlaub zum Dauergast. „Wir müssen mehr Tagesfahrten zur Insel durchführen. Deshalb benötigen wir ein schnelles und flachgehendes Schiff mit einem Transportvermögen von 300 bis 500 Personen“, so das Fazit des Gastronomen und Reeders.

Dabei gehe es nicht darum, dem Mitbewerber Fahrgäste wegzunehmen, sondern neue (Tages)Gäste für Juist zu gewinnen: „Die Masse der Dauergäste wird weiter die Norden-Frisia befördern, die über entsprechende Kapazitäten verfügt, daran möchte ich auch keinesfalls rütteln.“ Schiffe, wie er sich vorstelle, sagt Schmidt, seien in den skandinavischen Ländern viele im Einsatz. Diese hätten sich bewährt und liefen zuverlässig, sodass man nichts Neues planen müsste. Kapazitäten seien in nordischen und deutschen Werften derzeit auch frei. „Ich würde gern am 1. April 2021 mit den Fahrten beginnen. Doch wegen der vielen Bestimmungen und Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie wird das leider kaum noch zu schaffen sein“, so Schmidt. Denn dieses Projekt kann und will er nicht allein stemmen – die Anschaffungskosten für das geplante Schiff pendeln sich bei rund 2,5 Millionen Euro ein. „Wir brauchen Juister Investoren, die dafür eine eigene Juister Reederei ins Leben rufen, die auch hier ihre Steuern zahlt.“ Denkbar sei für ihn unter Umständen auch, dass die Inselgemeinde Anteilseigner der neuen Reederei würde: „Da können alle auf Juist nur von profitieren, sowohl durch Renditen aus dem Reedereigeschäft wie auch durch Mehrumsatz auf der Insel.“

Nun wartet Schmidt darauf, dass sich die Corona-Lage entspannt. Wenn dann Zusammenkünfte wieder möglich sind, will er das Projekt den Insulanern und eventuellen Mitinvestoren vorstellen. Das Schiff soll maximal 30 Meter lang und 7,5 Meter breit werden. Eine Größe, die man falls nötig schnell und problemlos in Norddeich noch aus dem Wasser kranen könne. Alubauweise soll für einen geringen Tiefgang sorgen. Der Neubau soll einen umweltfreundlichen Antrieb erhalten und die im Watt erlaubte Geschwindigkeit von 16 Knoten erreichen können, damit die Fahrzeit bei etwa 45 Minuten bleibt. Wegen der kurzen Überfahrt soll auf Zusatzausrüstung wie eine aufwändige Gastronomie mit Bedienung, Mannschaftsunterkünfte oder Tische verzichtet werden.

Der Platz soll für Fahrgäste und Gepäck genutzt werden. Drei Sitzreihen sind geplant. Gern möchte Schmidt das Schiff auch in Ostfriesland bauen lassen. Kontakt zu den ersten Werftbetrieben hat er schon aufgenommen.

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