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14. April 2020, 10:45 Uhr
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Zum 126. Geburtstag kommt niemand

Nicht schön, aber selten. Die Norder Sielturnhalle, die 1894 ihrer Bestimmung übergeben wurde, ist nach wie vor im Besitz des NTV. Die Unterhaltung des Gebäudes ist aber mit großem Aufwand und hohen Kosten verbunden. Foto: I. Janssen

Nicht schön, aber selten. Die Norder Sielturnhalle, die 1894 ihrer Bestimmung übergeben wurde, ist nach wie vor im Besitz des NTV. Die Unterhaltung des Gebäudes ist aber mit großem Aufwand und hohen Kosten verbunden. Foto: I. Janssen ©

Norden/ISH – Nun, es gab Zeiten, da war sie der optimale Raum, um Getreide zu lagern, Kartoffeln oder auch schon mal Kisten mit Verbandszeug für Pferde. Das war in den Kriegsjahren ab 1939, als Kinder und Jugendliche während der Nazi-Diktatur ohnehin nicht mehr Vereinsmitglied sein durften, stattdessen der HJ beziehungsweise dem BDM beizutreten hatten. Könnten ihre Mauern Geschichten erzählen, die Norder Sielturnhalle würde vermutlich Bände füllen.

Wer sie nicht kennt, dem wird sie auf den ersten Blick kaum auffallen da Am Alten Siel in Norden. Dabei steht sie unter Denkmalschutz, ist mithin ein besonderes Bauwerk im Herzen der Stadt. Welcher Verein hat so etwas schon hierzulande? Eine eigene Sporthalle? Sie ist „immer noch der Mittelpunkt des Vereinslebens“, heißt es in einem Text zum 125. Geburtstag des Norder Turnvereins (NTV). Das war 1986, nachdem das gute Bauwerk gerade erst mit rund 370 000 Euro saniert worden war. „Sorgenkind und Stolz in einem“, heißt es weiter in dem Text, und: „für alte und junge Mitglieder mit zahllosen Erinnerungen verbunden.“ Also werde man wohl das Jahr 1894, das Jahr der Einweihung, als das wichtigste in der Vereinsgeschichte ansehen müssen.“ Morgen feiert die Halle ihren 126. Geburtstag. Besuch bekommen wird sie allerdings kaum, denn auch hier ruht natürlich derzeit der Sport- und Spielbetrieb.

Werner Ihlow allerdings wird sicher vorbeischauen. Der stellvertretende Vorsitzende des NTV und Anlagen-Gerätewart kümmert sich seit einem Vierteljahrhundert, derzeit sogar täglich, um die gute alte Dame. „Es ist immer was zu tun“, sagt er, der auch für die Sicherheit der Sportgeräte garantiert – seit 2018 nach einer abgelegten Prüfung sogar zertifiziert.

Wenn es nur die Kleinigkeiten wären. In Planung für 2020 sind neu gestaltete Nassräume. Also Duschen mit gefliestem Fußboden sollen her, erzählt Vereinsvorsitzender Wolfgang Friedrichs. 70- bis 80 000 Euro soll das Ganze kosten: „Die Förderanträge laufen.“ Und das ist nicht alles. Neue Fenster müssten auch her, ergänzt Friedrichs, „reparieren kann man da nichts, das sind Energiefresser“, und Geschäftsführer Friedhelm Schröder ergänzt, dass auch ein neues Dach in den nächsten Jahren her muss. „Da sind Eternitplatten drauf“ – und das heißt, dass allein die Entsorgung aufgrund des Asbestanteils alles andere als ein Pappenstiel sein dürfte.

Der Dachgiebel zur Straße hin, das weiß Werner Ihlow genau, musste schon im letzten Jahr neu. So eine Halle kostet, kostet, kostet. Der Luxus, allein entscheiden zu können, welche Gruppe wann was macht, wird durch den Aufwand, den der Verein für die Unterhaltung aufbringen muss, so gut wie aufgezehrt. In ehrenamtlicher Arbeit ist unglaublich viel für die Anlage getan worden. Schon der frühere Vereinsvorsitzende Hans-Günther Rabe erzählte in einem Interview 2011, dass in den 1980er-Jahren immer montagsabends der Reparaturtag gewesen sei, in der Regel, um den brüchigen Hallenboden irgendwie zu flicken.

Wer den Übungsraum betritt, sieht, dass die Halle, allen Modernisierungen zum Trotz, vor allem eines ist: ein alter und auch düsterer Klotz. Vor 1967 gab es nicht einmal separate Umkleiden, benutzten Männer und Frauen Plumpsklos, stand in der Mitte der Halle ein großer Kanonenofen und an einem Ende eine große mit Sägemehl gefüllte Grube. Aber hier wurde seit jeher geturnt, Gymnastik angeboten, hier wurde gespielt, Trampolin gesprungen und vieles andere mehr.

Und die Sielturnhalle ist bis heute – da mögen Leichtathleten an der Wildbahn trainieren, Volleyballer in der Halle der Conerus-Schule, Basketballer und etliche andere in weiteren Sporthallen der Stadt – die Heimat der NTVer. Hier wird auch gelacht, gefeiert, hier leben Erinnerung, Gegenwart und Zukunftsträume gleichzeitig. Es gibt keinen Tag in der Woche, da der alte Klotz nicht genutzt wird. Und zwar vom frühen Morgen bis in die späten Abendstunden. Eltern-Kind-Turnen und Yoga, Langhantel-Workout und Rehasport, Pilates und orientalischer Tanz – die Sielturnhalle ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Norder Sportlebens und wichtige Begegnungsstätte für Menschen aller Generationen. Und täglich so gut besucht, dass die NTVer immer wieder ein Problem haben, um das sie andere Vereine vermutlich beneiden: Weil so viele Aktive zu den Trainingsabenden und Übungseinheiten kommen, ist Dauerdrängeln und Enge angesagt in den Umkleidekabinen – gegenüber den 1890er-Jahren sind offenbar deutlich mehr Norder im NTV sportlich aktiv geworden.

Die Mitglieder haben ja nicht nur die alte Halle, sondern darum herum noch mal „eben so“ 700 Quadratmeter Grundstück, seit zwei Jahren mit einer Volleyball-Freizeitanlage noch mal aufgewertet. Wenngleich auch hier gilt: ein toller Besitz, der im Gegenzug viel Arbeit bedeutet. Erst neulich, erzählt Ihlow, seien sechs Kubikmeter Blätter abgefahren worden. Alles nur vom NTV-Grundstück...

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