Kleine Sensation auf Juist: Fußgänger finden eine mehr als 60 Jahre alte „Driftkarte“

Von Stefan Bergmann

Ein überraschender Fund gibt Aufschluss über die Strömungsforschung: Eine historische Driftkarte aus dem Jahr 1961 wurde an der Nordseeinsel Juist angespült. Der Fund zeigt, wie Meeresströmungen früher untersucht wurden und welche Methoden heute eingesetzt werden.

Deutsche Gründlichkeit: Wer die eingeschweißte Karte fand, bekam sogar eine vorgedruckte Postkarte mitgeliefert. Eine Briefmarke indes musste man selbst kaufen.

Juist Eine Spaziergängerin auf Juist machte im Januar 2025 eine ungewöhnliche Entdeckung: Eine eingeschweißte Plastikkarte mit der Aufforderung, sie mit Fundortangabe an das Deutsche Hydrografische Institut (DHI) zurückzusenden. Dieser Fund ist eine wissenschaftliche Rarität – die Karte stammt aus einem Strömungsexperiment von 1961 und wurde nun dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) übergeben, das heute die Aufgaben des DHI fortführt.

Strömungsexperimente zur Meeresforschung

In den 1960er-Jahren wurden solche Karten gezielt ausgesetzt, um die Driftbewegungen in der Nordsee zu erforschen. Ziel war es unter anderem, die Ausbreitung von Ölverschmutzungen zu simulieren. Laut dem DHI-Jahresbericht von 1961 wurden damals rund 4.000 Karten ins Meer gegeben – etwa 30 Prozent wurden von Findern aus Deutschland, Dänemark, Schweden, Norwegen und England zurückgeschickt.

Die nächstjüngere Karte wurde 1992 gefunden

Ein weiteres Exemplar dieser Karten befindet sich in der Bibliothek des BSH in Hamburg. Es wurde 1992 in Schweden entdeckt und trägt die Seriennummer 3892, was auf eine enge Verbindung zu den damaligen Experimenten schließen lässt. Das BSH bewahrt zudem eine weltweit einzigartige Sammlung wissenschaftlicher Flaschenpostbriefe auf, die tiefere Einblicke in historische Strömungsexperimente geben.

Bedeutung des Funds für die heutige Forschung

BSH-Präsident Helge Heegewaldt betont die Relevanz solcher Funde für die Wissenschaft: „Der überraschende Fund dieser Driftkarte ist ein spannendes Zeugnis der historischen Meeresforschung. Er zeigt, wie in der Vergangenheit Meeresströmungen untersucht wurden – eine Aufgabe, die das BSH heute mit modernster Technologie fortführt. Doch das Ziel bleibt dasselbe: die Dynamik der Meere zu verstehen und wertvolle Erkenntnisse für Umwelt- und Klimafragen zu gewinnen.“

Frühe Experimente in der Ostsee

Nicht nur in der Nordsee, auch in der Ostsee wurden Driftkarten zur Strömungsanalyse eingesetzt. Das Institut für Meereskunde der Akademie der Wissenschaften der DDR veröffentlichte 1976 und 1977 insgesamt 12.800 dieser Karten im Bereich der Arkona- und Beltsee, um die mögliche Ausbreitung von Öl nach Havarien zu untersuchen.

Moderne Methoden: Argo-Treibbojen revolutionieren die Forschung

Während früher Driftkarten und Flaschenpostexperimente genutzt wurden, setzen Wissenschaftler heute auf hoch entwickelte Technologien. Das BSH arbeitet mit modernen Argo-Treibbojen, die weltweit in den Ozeanen treiben und kontinuierlich Datenprofile liefern. Im Rahmen des internationalen Argo-Programms sind derzeit fast 4000 dieser Messinstrumente im Einsatz – darunter auch in der Ostsee und in Polargebieten. Deutschland finanziert jährlich rund 50 dieser Hightech-Boje, die vom Argo Germany-Team des BSH betreut werden.