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Erstellt:
27. November 2023, 07:00 Uhr

Kaufmannsmahl in Emden: Viel Wehklage und eine Prise Optimismus

Stargast des Abends war Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius. Er berichtete vom Krieg in Nahost. Der jüngste Kaufmann klagte über den Fachkräftemangel. Aber ganz zum Schluss verbreitete jemand etwas gute Laune.

Lesedauer: ca. 3min 58sec
Kaufmannsmahl

Sprach auch beim Kaufmannsmahl in Emden klare Worte: Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius. © Bruns ubr

NiedersachsenVon Heidi Janssen

Emden Es war eine schwere Kost, die den knapp 200 geladenen Gästen am Freitagabend beim 260. Emder Kaufmannsmahl geboten wurde. Und das lag nicht an den traditionell servierten Matjeshappen, der Krabbensuppe oder dem Lammkarree, sondern vielmehr an der aktuellen politischen Lage in Deutschland und der Welt, die in allen Reden an diesem Abend im Fokus stand. Kriege, Gewalt, Terror, Krisen stellen Deutschland, die heimische Wirtschaft und in der Folge auch die Region vor Herausforderungen. Letzteres das wohl am meisten gebrauchte Wort am Freitag im Klub zum guten Endzweck.

Niemand wurde enttäuscht

Gespannt waren die Zuhörer – und wenigen Zuhörerinnen – vor allem auf die Rede des politischen „Stargasts“: Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius. Ein Mann klarer Worte und von einer neuen und mutigen Offenheit, wie Dr. Claas Brons, Vorsitzender der Emder Kaufmannschaft, den SPD-Politiker einleitend beschrieb. Die Gäste wurden nicht enttäuscht und honorierten die Rede am Ende mit lang anhaltendem Applaus.

Claas Brons

Dr. Claas Brons spannte den Bogen von der Welt- zur lokalen Politik. © Bruns ubr

Erst Kampfanzug, dann Smoking

Nur wenige Tage bevor er sich für das Kaufmannsmahl in seinen Smoking geworfen habe, erzählte Pistorius, sei er in Kiew gewesen. „Dort war die Kleidung eine ganz andere.“ In einer schusssicheren Weste habe er an einer Ordensverleihung für ukrainische Soldaten teilgenommen, deren Mut und Entschlossenheit bewundernswert sei. Der Krieg, „nur zwei Flugstunden von Berlin entfernt“, habe auch nach mehr als eineinhalb Jahren nichts von seinem Schrecken verloren. Pistorius beantwortete auch die Frage von Claas Brons: „Wie lange wird das noch weitergehen?“ Wie lange werde Deutschland in der Ukraine Hilfe leisten? So lange wie nötig. Putin dürfe diesen Angriffskrieg nicht gewinnen. „Denn er ist mit seiner Expansion nicht am Ende.“ Auf dem Baltikum sei die Angst mit Händen greifbar, das nächste Ziel zu sein. Darum habe sich die Bundesregierung entschieden, dauerhaft 5000 Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten in das Nato-Partnerland Litauen zu verlegen, um die Nato-Ostflanke zu schützen.

Das Völkerrecht nicht außer Acht lassen

Pistorius ging weiter auf die Gräueltaten der Hamas in Israel ein. Dort habe man ihm bei seinem Besuch Videos gezeigt, habe er mit Augenzeugen des Terrors sprechen können. Was er gesehen und gehört habe, sei unbeschreiblich. „Da wünscht man sich, man würde einen anderen Job machen.“ Dieser Terrorakt der Hamas sei durch nichts zu rechtfertigen. Das Recht Israels auf Selbstverteidigung stehe völlig außer Frage, es dürfe dabei aber nicht das Völkerrecht außer Acht lassen. Wichtig sei es, schnell zu Lösungen zu kommen, um weiteres Leid zu verhindern.

Lars Hoffmann

Lars Hoffmann sprach als „jüngster Kaufmann“. Eine Tradition beim Kaufmannsmahl. Er hatte jedoch wenig Gutes zu berichten. © Bruns ubr

Gut gelebt von der Friedensdividende

Er habe diese Beispiele gewählt, um zu veranschaulichen, dass sich die Bedrohungsszenarien verändert hätten. „Wir haben die letzten 30 Jahre gut gelebt von der Friedensdividende.“ Die Gefahr eines Angriffs sei ausgeblendet worden. Deutschland müsse aber in der Lage sein, sich zu wehren und dafür benötige das Land „kriegstüchtige Streitkräfte“, so Pistorius. Das Wort wählte der Bundesverteidigungsminister mit Bedacht. Keinesfalls sei damit gemeint, dass man einen Krieg anstrebe. „Diplomatie und Politik sind nach wie vor das Primat.“ Aber man müsse in der Lage sein, „einen Krieg führen zu können, um ihn nicht führen zu müssen“. Abschreckung könne man nur gewährleisten, wenn man sich aus einer Position der Stärke verteidigungsbereit zeige. Pistorius forderte vor diesem Hintergrund einen „Mentalitätswechsel“ in der Gesellschaft. „Wir müssen uns klar machen, in welchen Zeiten wir leben.“ Frieden und Freiheit seien keine Selbstverständlichkeit.

Reformen gefordert

Bevor der Bundesverteidigungsminister zum Mikrofon griff, hatte bereits Dr. Claas Brons die Gäste auf die veränderte politische Weltlage eingestimmt. Er schlug dabei einem weiten Bogen: von China bis in den Wybelsumer Polder. Nicht Europa, sondern China und die USA dominierten heute in der Welt. Europa könne sich nur als vereint als relevanter Akteur behaupten, betonte er. Um gleich die Frage hinterher zu schieben, welche Rolle Deutschland spielen sönne. Brons ließ den polnischen Außenminister Radoslaw Sikorski mit einem Zitat aus 2011 antworten: „Ich fürchte die deutsche Macht weniger, als ich anfange, die deutsche Untätigkeit zu fürchten.“

Deutschland schwächelt

Der Wirtschaftsstandort Deutschland schwächele, so Brons. „Deutschland verliert an Attraktivität.“ Er forderte Reformen. Die Bürokratie müsse abgebaut, der Fachkräftemangel durch Einwanderung von Fachkräften begegnet und Investoren wettbewerbsfähige Energiepreise geboten werden. „Aus norddeutscher Sicht muss endlich das Thema Netzentgelte angegangen werden.“

Und das Emder Kaufmannsmahl wäre nicht das Kaufmannsmahl, wenn Brons am Ende seiner Ausführungen nicht die Vertiefung des Emsfahrwassers angesprochen hätte. Eigentlich hätten die Planungsunterlagen bereits im zweiten Quartal dieses Jahres veröffentlich werden sollen, nun habe die zuständige Behörde angekündigt, bis Jahresende den Auslegungstermin „konkretisieren zu können“. Brons: „Sollen wir das als Erfolgsmeldung verstehen?“

Viele Herausforderungen

Dass es in Deutschland und der Welt nicht mehr so ist und zukünftig sein wird, wie es einmal war, strich auch Lars Hoffmann heraus, der als jüngster Kaufmann den letzten längeren Redebeitrag hielt. Der Diplom-Kaufmann, 1982 in Hannover geboren, aufgewachsen und beheimatet in Emden, malte ein düsteres Bild von der Zukunft insbesondere in der Pflegebranche, in der Hoffmann als Unternehmer tätig ist. Die zukünftige Generation stehe vor großen Herausforderungen. Fachkräftemangel, schlechte Arbeitsbedingungen, eine überalternde Bevölkerung, fehlender Nachwuchs: Immer mehr Arbeit, werde auf den Schultern immer weniger Menschen verteilt werden müssen. Schon den aktuellen Stand zu halten, sei das neue Wachstum. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz seien in der Pflege nur bedingt die Lösung. Die Dienstleistung am Menschen könne sie nicht ersetzen. Die Mitmenschlichkeit in der Pflege müsse erhalten bleiben.

Und dann doch: Eine Prise Optimismus

Der stellvertretenden Ministerpräsidentin und Kultusministerin in , Julia Willie Hamburg, blieb es überlassen, noch einig wenig Optimismus zu verbreiten, in dem sie die Chancen der Region herausstrich beispielsweise im Energiesektor, wo Niedersachsen mit der Wasserstoffproduktion, Erneuerbaren Energien und vielleicht einer Batteriefabrik in Emden eine führende Rolle übernehmen könne.

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